Steinerne Saurierspuren bei Nierstein
Vom Array
NIERSTEIN Der Rote Hang ist das Wahrzeichen des Niersteiner Weins. In einer Serie erzählt die AZ nun von Riesling, Reben und Ritualen hoch über dem Rhein.
Von
Thomas Ehlke
Vor 280 Millionen Jahren, zur Zeit des Rotliegenden, ähnelte die Landschaft in Rheinhessen einer Halbwüste, in der sich das Leben in der Umgebung von Flüssen und Seen abspielte, wie Autor Ernst Probst in seinem Werk "Deutschland in der Urzeit" feststellt.
Mythos
Roter Hang
"Lange bevor der Rhein in Richtung Norden strömte, existierte in der Gegend von Nierstein/Rhein ein kleiner flacher See. Das Gewässer lag inmitten einer nur spärlich bewachsenen Landschaft. In einem solchen Trockengebiet war der See natürlich ein Anziehungspunkt für verschiedene Landtiere. Sie gingen dort zur Tränke oder machten Jagd auf Beutetiere. Bei ihrem Gang vom oder zum Wasser hinterließen Insekten, Amphibien und Reptilien im weichen Schlamm ihre Spuren", schildert Probst die Situation und bezeichnet es als "Glücksfall für die Wissenschaft", dass diese Niersteiner Spuren erhalten geblieben sind.
Dinos gab es im Raum Nierstein zu dieser Zeit noch nicht, wohl aber deren Vorfahren, die Saurier. "Darunter versteht man vorzeitliche Amphibien und Reptilien", erläutert Harald Stapf, der mit seinem Vater Arnulf das Paläontologische Museum am Niersteiner Marktplatz betreibt. Und so tummelten sich dort, wo heute Reben wachsen, dereinst kriechende Ur-Salamander wie Dachschädler- und Kiemenlurch, die eine imposante Größe von bis zu zwei Metern erreichen konnte, sowie diverse Echsen. Aber auch die Ahnen der Dinosaurier, Cotylosaurier genannt, und die Vorfahren der Säugetiere namens Pelycosaurier waren hier heimisch.
Am Hohlweg Rehbacher Steig ist laut Ernst Probst ein wichtiger Abschnitt aus der Entwicklungsgeschichte der Lebewesen im Gestein verewigt: Neben Spuren von Reptilien, Amphibien und Insekten befinden sich darunter auch jene von Hydromedusen - winziger, nur etwa erbsengroßer Süßwasserquallen.
Die erste Saurierfährte entdeckte im Spätsommer 1926 der damalige Niersteiner Oberprimaner Ernst Staiger, als er im ehemaligen Steinbruch nach versteinerten Wellenfurchen, so genannten Rippelmarken, suchte. "Insektenfährten auf Wellenfurchen der Rehbacher Steig lieferten den Nachweis, dass die Wellenform unter Wasser entstanden ist", so Probst. Harald Stapf geht unterdessen davon aus, dass der urzeitliche See bei Nierstein Teil einer ganzen Seenplatte war, die sich bis weit in das heutige Hessen hineingezogen haben müsse. Diese Feuchtflächen seien durch die Hitze immer wieder einmal trocken gefallen, wodurch es zu den Saurierspuren in den Wellenböden gekommen sei. "Das dann wieder langsam ansteigende Wasser hat die Spuren mit Sedimenten bedeckt - und so ging das Schicht um Schicht weiter, die sich im Laufe der Zeit auftürmten und den Schlamm zu Gestein werden ließen", beschreibt Harald Stapf die Vorgänge, die zur Konservierung der urzeitlichen Spuren aus Nierstein führten.
Die in den 70er Jahren beginnende Flurbereinigung der Weinbergslandschaft war ein Dorado für Spurensucher wie Harald und Arnulf Stapf. "Durch die Vergewaltigung der Landschaft war an allen Ecken und Enden anstehendes Gestein angeschnitten und man konnte deshalb viele versteinerte Spuren sichern und der Nachwelt erhalten", sagt Stapf. Eine große Sammlung dieser Niersteiner Fährten befindet sich im Naturhistorischen Museum in Mainz und natürlich im Paläontologischen Museums der Stapfs. Über einen Kilometer groß sei das damalige Hauptfundgebiet gewesen. Die Erinnerung an diese Zeit ist für Harald und Arnulf Stapf verbunden mit großen Erfolgserlebnissen, zumal deren Entdeckungen in die internationale paläontologische Fachliteratur eingeflossen sind. "Das Öffnen einer Gesteinsplatte und das Entdecken von Spuren sind Momente, die einem keiner nehmen kann", stellt Harald Stapf fest. Begeisterung und Demut schwingen gleichermaßen in diesen Worten mit.
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Liebe Grüsse eure Michaela