
Selbst Ermittler meinen, dass sie prinzipiell Verständnis für Tierschutz haben – nur nicht für jene Form, die sich gegen Menschen, Eigentum und Gesetze wendet: Nach der Großrazzia gegen radikale Tierschützer werden nun die Hintergründe des Falls immer brisanter.
Mittwochfrüh ist eine Groß-Razzia mit 23 Hausdurchsuchungen angelaufen. Zehn Aktivisten wurden festgenommen. Darunter auch ein Kampagnen-Leiter einer bekannten Organisation und der Chef des "Vereins gegen Tierfabriken" (VgT), DDr. Martin B. Dramatisch: Einer der Verdächtigen habe versucht, einen USB-Stick – mit belastenden Daten? – zu verschlucken. B. ist laut VgT in den Hungerstreik getreten. Zahlreiche Datenträger wurden konfisziert, die Auswertung kann somit Wochen dauern – sofern es nicht zu Geständnissen kommt.
Den Verdächtigen wird die Bildung einer "kriminellen Organisation" vorgeworfen. Man habe konkrete Hinweise, dass Tierschützer etwa für Brandstiftungen in einer leeren nö. Hühner- und zwei Schweine-Farmen verantwortlich seien. In Aktivisten-Kreisen erzählt man, dass just bei einem Fall – 2002 in Pyhra, NÖ, – am Morgen nach dem Brand B. aufgetaucht sei: "Natürlich ,zufällig‘, zum Fotografieren".
Razzia verraten?In Behördenkreisen spricht man davon, dass die Razzia von einer Politikerin verraten worden sei. Diese stellt dies in Abrede: "Aktiv habe ich niemanden gewarnt. Ich habe vor einem Jahr erfahren, dass im Innenministerium etwas geplant wird. Da ich nicht ausschließen konnte, dass ich betroffen bin, habe ich die Partei-Gremien informiert."
Weiters werde den Verdächtigen angelastet, (Buttersäure-)Anschläge auf Geschäfte und Jagdeinrichtungen verübt zu haben. Auch ein Auto sei angezündet worden. 2006 wurden in Wien etwa die Fenster einer "Kleiderbauer"-Filiale zertrümmert.
Die Brisanz des Falls wird nicht zuletzt durch den Verfassungsschutz-Bericht unterstrichen. Darin steht, dass "eine weitere Zunahme der einschlägigen Aktivitäten der militanten Tierrechtsszene – einschließlich gerichtlich relevanter Straftaten " zu erwarten sei. Weiters wird berichtet, dass sogar gezielt bei Privat-Wohnungen von Mitarbeitern von Pharma-Firmen demonstriert wurde, um sie wegen Tierversuchen öffentlicher Ächtung auszusetzen.
Offiziell weigerte man sich am Freitag beim Verfassungsschutz, Näheres zur Einschätzung der Tierschutz-Szene preiszugeben. Im Verfassungsschutz-Bericht werden "insitutionelle" Verschränkungen zwischen der Tierschutz- und der Anarcho-Szene als "nicht evident" bezeichnet. Das kann aber nicht (mehr) richtig sein: Aus Insider-Kreisen ist zu vernehmen, dass (nun) das Gegenteil der Fall ist. Außerdem wurde auf linken Plattformen bereits zu Solidaritäts-Demos aufgerufen.
Die Tierschutz-Szene ist in Österreich zwar zerstritten, international aber gut organisiert. Erst kürzlich waren zwei der Verdächtigen in Budapest auf einer Tagung.
Und was B. betrifft, hält sich seit Jahren in Tierschutz-Kreisen und bei der Polizei das Gerücht, dass er in England von der Exekutive gesucht würde. Sein Bruder: "Davon weiß ich nichts, nur von einem Freispruch in Finnland." B.s Bruder, ebenfalls VgT-Tierschützer, ist am Freitag selbst an die Öffentlichkeit gegangen. Er glaubt, dass die Razzien "politisch motiviert" seien: "Es ist absurd, dass wir mit Straftaten etwas zu tun haben." Betroffen von den Razzien waren zumindest vier Vereine.
Kurier.ar
was ist eure Meinung dazu?
lg