Paul Schneller hat sich als einer der wenigen Tierärzte in der Schweiz auf exotische Tiere spezialisiert
Es gibt immer mehr Reptilien in Schweizer Haushalten, aber kaum ein Tierarzt hat genügend Fachwissen in Exotenmedizin. Seit kurzem besucht ein Spezialist kranke oder verletzte Vogelspinnen und Schlangen auch zu Hause.
Das Bein muss amputiert werden, sonst überlebt Lola die Nacht nicht. Schon kurze Zeit nach dem Operationsentscheid liegt das pelzige Bein säuberlich abgetrennt in der nierenförmigen Schale. «Lola hat ja noch sieben Beine», bemerkt der Tierarzt und Exotenspezialist Paul Schneller trocken. Lola ist eine Afrikanische Vogelspinne und litt an einer aggressiven Infektion eines Hinterbeines. Vor der Operation ist sie in einer mit Narkosegas gefüllten Plexiglaskiste betäubt worden.
Ihre Besitzerin brachte sie umgehend zu einem der wenigen Spezialisten in der Schweiz. Denn in herkömmlichen Tierarztpraxen kann exotischen Tieren meistens nicht geholfen werden, da deren Krankheitslehre nicht zur Grundausbildung eines Veterinärs gehört. Dieses Fachwissen müssen sich Tierärzte nach dem Studium selbst aneignen. Dabei gilt es, die Eigenheiten Tausender Echsen- und Schlangenarten kennenzulernen. Eine Herausforderung, welche nur wenige auf sich nehmen. Die spärliche Verbreitung von medizinischem Fachwissen steht jedoch im krassen Gegensatz zur stetig steigenden Zahl gehaltener Reptilien in der Schweiz.
Hausbesuche für Reptilien
Wie bei allen Tieren ist die korrekte Haltung und Fütterung bei Reptilien von zentraler Bedeutung für ihr Wohlergehen. Genau bei diesem Punkt setzt Tierarzt Schneller an. Als erster Veterinär in der Schweiz besucht er die exotischen Patienten zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung. Ein Service, der den Patienten entscheidende Vorteile bringt. Einerseits fällt der Transport der stressempfindlichen Tiere weg, andererseits kann der Tierarzt anlässlich der Untersuchung auch die Haltungsbedingungen kontrollieren.
«Es gibt Besitzer, die kennen nicht einmal die elementarsten Bedürfnisse ihrer Tiere», ärgert sich Schneller. Eine falsche Haltung ist denn auch der häufigste Grund für Gesundheitsstörungen. So führen Lampen ohne ausreichende UV-B-Strahlung im Terrarium zu Knochenerkrankungen. Zu trockene und zu kalte Luft löst Atemwegsbeschwerden aus. Zu kleine Terrarien führen zu Dauerstress und damit zu erhöhter Infektionsanfälligkeit. Allesamt Gesundheitsstörungen, die laut Schneller vermeidbar wären.
Die Haltungskontrolle wird von den Kunden sehr geschätzt. «Die Besitzer von Reptilien sind immer sehr dankbar, wenn man versucht, ihrem Tier zu helfen, und sie lernen gerne dazu», sagt Schneller. Denn auch wenn diese Tiere keinen Kuschelfaktor haben, geht von ihnen für die Besitzer eine grosse Faszination aus. Diese ist laut Schneller unabhängig von der sozialen Schicht oder dem Berufsumfeld.
Zunehmend salonfähig
Vor einigen Jahren war das noch anders. «Früher waren es häufig sozial randständige Personen, welche sich eine Schlange hielten – als Zeichen für ihre eigene Unangepasstheit», erzählt Schneller. Dadurch, dass die Tiere zunehmend salonfähig wurden, steigen auch die Ansprüche an die Medizin. Längst sind die Besitzer auch bei Exoten bereit, ein Mehrfaches des Kaufpreises in das Wohlergehen ihrer Tiere zu investieren.
Die medizinische Betreuung ist allerdings aufwendig und anspruchsvoll. Bereits die Diagnosestellung gestaltet sich schwieriger als bei anderen Tieren, denn Exoten zeigen keine Schmerzen. «Der Mensch sagt dem Arzt, wo es ihm wehtut. Hunde und Katzen jaulen vor Schmerz, Exoten aber leiden still», gibt Schneller zu bedenken. Es ist deshalb von zentraler Bedeutung, dass sich der Tierarzt genügend Zeit zur Untersuchung nimmt und alle seine Sinne einsetzt.
Jede Untersuchung beginnt mit einer sorgfältigen Beobachtung des Patienten. Häufig lassen sich bereits erste Schlüsse aus Bewegungsabläufen, dem Verhalten in Ruhe oder der Interaktion mit der Umwelt ziehen. Dann tastet der Veterinär das Tier vorsichtig ab, um eventuelle Veränderungen zu spüren. Sogar Düfte können einen wichtigen Hinweis geben. Eine Blutuntersuchung und Ultraschall bestätigen bei Bedarf die Verdachtsdiagnose.
Exotenmedizin ist Pionierarbeit
«Im Vergleich zur Kleintiermedizin steckt die Exotenmedizin aber noch in den Kinderschuhen. Exotenmedizin ist Pionierarbeit», ergänzt Paul Schneller. Erst kürzlich gelang es ihm, bei einer Schlange einen krankhaft erweiterten Herzmuskel zu diagnostizieren. Eine Erkrankung, die in der Literatur nur rudimentär beschrieben ist. Auch chirurgische Eingriffe sind vielfach recht abenteuerlich, da für die meisten Operationen keine Techniken beschrieben sind. Einzig die Anatomie ist bekannt.
Als nächster Patient wartet Köbi, eine ausgewachsene Königspython, auf den Tierarzt. Elegant schlingt sich der Patient um den Arm des Tierarztes und erkundet züngelnd die Umgebung. Köbi kommt heute zur Nachkontrolle in die Praxis. Schneller untersucht das Tier sorgfältig und öffnet zum Schluss mit einer Zange den Mund, um die Schleimhäute zu begutachten. Angst hat der Veterinär dabei keine. Seine Patienten seien viel weniger angriffig als Hunde und Katzen. «Der normale Tierarzt lebt gefährlicher», beschwichtigt Schneller und lässt Köbi behutsam zurück in den Transportbehälter gleiten.
Köbi litt an massivem Wurmbefall und frass über Wochen nichts. Doch die Entwurmung scheint gewirkt zu haben. «Köbi ist wieder fit», beruhigt der Veterinär den Besitzer. Auch wenn es der Python jetzt wieder gut geht, wird sie zu Hause nicht gleich gefüttert. Zuerst muss sie sich einige Tage vom Stress des Transportes und der Untersuchung erholen. Denn auf dem Menüplan steht eine lebende Maus, und dafür braucht Köbi seine volle Konzentration, damit die Jagd schnell und reibungslos über die Bühne geht.
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Liebe Grüsse eure Michaela