
Winzig, hungrig, empfindlich – und nach Ansicht ihrer Babysitterin Nadine Heinz „so niedlich“: Junge Bartagamen.
Fotograf/Quelle: Heiko Matz
Bad Salzungen – Vorsichtig, ganz vorsichtig, fasst Nadine Heinz in den Sand. Setzt sich eins der Babys auf den Finger – ein zweites würde auch noch Platz finden. „Bist du Mäuschen?“, fragt sie das Tier, „oder bist du Mäuserich?“
Eine Maus würde riesenhaft aussehen neben dem Baby – die kleine Echse, eine australische Bartagame, ist vor einigen Tagen aus dem Ei geschlüpft. Wie ihre vielen Geschwister: 16 Winzlinge, manche aneinander gekuschelt, manche durch den Sand einer simulierten Wüstenlandschaft hüpfend, leben in einem geräumigen Terrarium im Zimmer der 18-jährigen Auszubildenden Nadine Heinz in Bad Salzungen. Zwei ausgewachsene Bartagamenweibchen besitzt die angehende Landwirtin schon länger, vor einiger Zeit hat sie sich noch ein Echsenmännchen gekauft – Brutus.
Der getan hat, was von ihm erwartet wurde – im Frühling legten seine Gespielinnen die ersten Eier. Noch bevor die Tiere ihr Gelege im Sand verscharren konnten, hat Nadine Heinz die Eier aus dem Terrarium genommen. Was notwendig sei, wenn man die Hoffnung auf Jungtiere nicht frühzeitig aufgeben wolle. In der Natur, erklärt die junge Frau, überlebten deshalb nur wenige Bartagamen, „weil sie oft ihre Eier fressen“. Verpackt in Wasser und Sand, mittels Wärmeflasche auf gleichbleibender Temperatur gehalten, haben Nadine Heinz und ihre Mutter Konstanze die Eier zu einem erfahrenen Züchter nach Barchfeld gebracht, auf dass sie sich in einer Brutmaschine entwickeln sollten. 65 Tage hat es gedauert, erzählt Nadine Heinz, „dann kramen sie sich aus der Schale“, immer wieder habe sie zugesehen, wie „sie erst das Köpfchen rausstrecken“, dann den Dottersack aufessen, dann „waren sie da – und so, so niedlich“. Ein Gramm wiege eine frisch geschlüpfte Bartagame, sagt Konstanze Heinz, die sich erst „kaum getraut“ hat, die zierlichen Wesen anzufassen. Inzwischen tummeln sich die Babys putzmunter im Sand, fressen weiße Mehlwürmer und klitzekleine Salatfetzen, lassen sich auf die Hand nehmen.
Recht pflegeintensiv seien junge Bartagamen, sagt Nadine Heinz, aber sie sei „sehr stolz auf die Kleinen“. Dass es schon beim ersten Versuch der Nachzucht klappen würde, habe sie nicht erwartet. Viel hätte schiefgehen können. Schon ein versehentliches Drehen des Eis während des Herausnehmens hätte genügt, um die Brut zu töten. Ob aus einem Gelege auch nur ein Jungtier sich entwickle, lasse sich kaum vorhersagen, häufig überlebten die kleinen Echsen ihre ersten Stunden nicht. Auch dann, wenn sie nicht von ihren Müttern verspeist werden – was in der Natur oft passiere.
Was Nadine Heinz verhindert: Die Babys werden in einem separaten Terrarium, getrennt von ihren Müttern heranwachsen. Und der Vater? Brutus, der weit weniger freundlich durch die Scheiben blickt als seine beiden Weibchen nebenan, kann seine Jungen nicht einmal sehen – Nadine Heinz hat einen Sichtschutz zwischen seinem Terrarium und der Kinderstube gestellt. „Muss sein“, sagt sie. Erwachsene männliche Echsen könnten ihren Nachwuchs tatsächlich „mit Blicken töten“. Das durchdringende Starren des Vaters verursache „Stress, an dem die Babys sterben würden“. Erst wenn sie um einiges größer seien, könnten sie mit erwachsenen Tieren gefahrlos konfrontiert werden.
Jetzt, sagt Nadine Heinz, wachsen die 16 Jungtiere „in der Gruppe auf“. Werden wöchentlich größer, brauchen immer mehr Futter. Behalten? Nadine Heinz schüttelt den Kopf – bald werden die Babys auch mehr Platz brauchen. Ihre Mütter hausen in einem großen Terrarium, ihr Vater bewohnt sein eigenes. Mehr, sagt Konstanze Heinz, sei in einer Stadtwohnung „nicht mehr drin“. Nadine Heinz zwinkert ihrer Mutter zu – „noch eins vielleicht?“ Ein Tier aus ihrem ersten Zuchtversuch würde sie „schon gern behalten“. Die anderen werde sie versuchen, zu verkaufen – samt einer kleinen Überraschung. Erst wenn die Kleinen etwa ein Jahr alt sind, erklärt Nadine Heinz, „kann man sehen, was es ist“ – Mäuschen oder Mäuserich. m
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