Deshalb stattet der Mucher dem Tierarzt Kay Opiela einen Besuch ab mit seiner kranken Leguandame namens „Charlotte“.



Much - Es rappelt im Karton, ein Kratzen dringt aus der fest mit Paketband verklebten Kiste - Charlotte, die Grüne Leguandame von Dieter Baum, möchte raus. Geduld, Entschlossenheit und ein Handtuch über dem Kopf braucht es schließlich, bis sie sich halbwegs ruhig von Dr. Kay Opiela untersuchen lässt. Das Reptil will nicht mehr fressen, obwohl es zuvor täglich einen Kopfsalat verschlungen hat.
Reptilien und Amphibien werden immer öfter zu Hause gehalten. Der Leguan zählt mit der Boa Constrictor, der Kornnatter und der Bartagame zu den meist gehaltenen Arten, gefolgt von Krustenechsen, Schildkröten, Chamäleons, Giftfröschen und manchmal sogar Kaimanen. Der Bergisch Gladbacher Tierarzt Opiela ist Experte für Reptilien - daher nimmt Dieter Baum die lange Fahrt nach Refrath gern in Kauf. Opiela glaubt, dass viele Tierhalter zu blauäugig die Pflege eines Reptils angehen: „Die meisten handeln nach Bauchgefühl - und das geht meistens nicht gut.“ Auch hätten viele zu wenig Ahnung von den Bedürfnissen der urzeitlichen Tiere. So sei die Gefahr einer Fehlinterpretation bei Krankheit hoch. „Das Tier meldet sich nicht wie ein Hund“, erklärt der Experte. „Es leidet still.“
Baum, der Halter von Charlotte, hat einen mittleren Zoo zu Hause und bemüht sich um die artgerechte Haltung. Gerade baut er ein Terrarium mit zwei Metern Kantenlänge in Breite, Länge und Höhe für Charlotte. Nun aber sorgt er sich um ihre Appetitlosigkeit. Baum hat recherchiert und als mögliche Erklärung eine anstehende Eiablage ausgemacht. Kay Opiela will Gewissheit. Beherzt packt er Charlotte mit beiden Händen, klemmt sich den gefährlich schlagenden Schwanz unter den Arm, macht einen Abstrich und bringt das Tier zum Röntgen.
Im Behandlungszimmer stehen Kisten, auf denen Zettel mit Namen wie „Renate“ oder „Karlemann“ kleben. Darin kauern Schildkröten, die „stationär“ in der Praxis untergebracht sind. Durch Kalziummangel oder fehlendes UV-Licht haben sie Rachitis: Die Panzer sind weich und deformiert, manche Tiere können kaum noch laufen.
Doch nicht jeder „Tierfreund“ entscheidet sich im Krankheitsfall für den Gang zum Tierarzt, mancher wählt die billige „Alternative“: Teiche und Seen seien voll von ausgesetzten Tieren, die den Haltern zu groß geworden sind, und nun die heimische Amphibienpopulation gefährden, weiß Opiela. „Aber nicht nur das Wachstum vergessen die vorschnellen Käufer, sondern auch, dass die Tiere sehr alt werden, viel Fachkenntnis erfordern und dass die Haltung viel Geld kosten kann.“
Opiela schätzt, dass nur etwa fünf Prozent der Reptilien-Besitzer mit ihrem erkrankten Tier zum Arzt gehen. Als „Haupterkrankung“ vermerkt er Haltungsfehler: falsche Fütterung, falsche Einrichtung des Terrariums, falsche Temperatur, Lichtqualität oder Luftfeuchtigkeit. Dabei ist dies in Richtlinien des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz festgehalten. Und beim Kauf ist eine Beratung Pflicht. Trotzdem werden Zierschildkröten mit Wasserschildkröten verwechselt und müssen ein Leben lang schwimmen.
Neben dem Tierschutz ist der Artenschutz bei der Haltung relevant: Für geschützte Arten besteht eine Meldepflicht, zu der ein Nachweis der rechtmäßigen Herkunft gehört. Fehlt dieser, kann das Tier beschlagnahmt werden. In schweren Fällen, etwa einem unerlaubtem Handel, können Durchsuchungsbeschlüsse beantragt werden.
Natürlich gibt es viele verantwortungsbewusste Reptilien-Besitzer. Bei guter Haltung, so Opiela, ließen sich zumindest für kleinere Reptilien auch im Wohnzimmer annähernd natürliche Bedingungen schaffen. Der beste Halter sei der Beobachter, der dem Tier keine Nähe aufzwinge. „Die Tiere haben keinen Kontaktbedarf: Kuscheln ist nicht artgerecht.“ Hält das Tier still, sei dies eher eine Schreckstarre, aber kein Genießen.
Das Röntgenbild von Charlotte ist fertig. Es zeigt eine Darmverstopfung. Vermutlich fehlte dem Tier Kalzium: Es fraß Sand und Kies aus dem Terrarium. Mit Paraffinöl, einem darmanregendem Mittel und einem speziellem Futterpräparat verlässt Dieter Baum die Praxis.
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