


Bergisch Gladbach - Es scheppert im Karton, als Dieter Baum eben diesen auf dem Behandlungstisch des Tierarztes abstellt. Aus dem Inneren der rundum fest mit Paketband verklebten Kiste dringen kratzende und schlagende Geräusche. Sie lassen keinen Zweifel daran, dass das, was darin ist, lieber heraus möchte. „Charlotte“ ist eine grüne Leguandame, und es braucht Geduld, Entschlossenheit und ein Handtuch über ihrem Kopf, bis sie sich halbwegs ruhig von Dr. Kay Opiela untersuchen lässt. Das große, schöne Reptil will nicht mehr fressen, obwohl es zuvor täglich einen kompletten Kopfsalat verschlungen hat.
Tausende Reptilien wurden in den vergangenen zehn Jahren im Rheinisch-Bergischen Kreis als Haustier angeschafft. Der Leguan gehört zusammen mit der Boa Constrictor, der Kornnatter und der Bartagame zu den am häufigsten gehaltenen Arten, berichtet Wilfried Knickmeier, Artenschutzbeauftragter im Kreis. Weitere Arten unter vielen sind Krustenechsen, Schildkröten, Chamäleons, Giftfrösche und selten gar Kaimane. Knickmeier ist einer Meinung mit dem Bergisch Gladbacher Tierarzt Opiela, dass viele Halter zu blauäugig an die Anschaffung eines Reptils herangehen. „Da wird von ganz falschen Vorstellungen ausgegangen“, sagt er. Denn unkompliziert sei die Haltung eines Reptils bei weitem nicht. „Das Gros hält die Tiere nach Bauchgefühl“, sagt Kay Opiela, „und das kann meistens nicht gut gehen.“ Zwar gebe es regelrechte Profis in der Reptilienhaltung, aber viele hätten einfach zu wenig Ahnung von den Bedürfnissen der Tiere. So ist auch die Gefahr der Fehlinterpretation bei Krankheit hoch. „Das Tier meldet sich nicht wie ein Hund“, erklärt der Experte, „es leidet still in der Ecke, obwohl es das gleiche Schmerzempfinden hat wie ein Säuger.“
Dieter Baum, der Halter von „Charlotte“, hat bereits einen mittleren Zoo zu Hause. Den Leguan übernahm er von einem Freund, dem das Tier zu groß geworden war. Baum, der auf eine artgerechte Haltung Wert legt, sorgt sich um die Appetitlosigkeit des Tieres. Er recherchierte im Internet und fand als mögliche Erklärung eine anstehende Eiablage. Kay Opiela will Gewissheit. Beherzt packt er „Charlotte“ fest mit beiden Händen, klemmt sich den langen, gefährlich schlagenden Schwanz unter den Arm, macht einen Abstrich und bringt das Tier zum Röntgen.
Im Behandlungszimmer stehen mehrere Kisten, auf denen Zettel mit Namen wie „Renate“ oder „Karlemann“ kleben. Darin sitzen Schildkröten, die zurzeit „stationär“ in der Praxis untergebracht sind. Durch Kalziummangel oder fehlendes UV-Licht haben sie Rachitis: Die Panzer sind weich und deformiert, manche Schildkröten können kaum mehr laufen. Täglich erhalten sie Injektionen und werden mit einem Anis-Fenchel-Pulver gefüttert.
Häufig wählen die Halter bei Problemen aller und jeder Art allerdings die preiswertere Alternative zum Tierarzt. Der Kahnweiher in Refrath und die Rheinauen sind voll von ausgesetzten Tieren, die den Haltern zu groß geworden sind und die inzwischen bereits die heimische Amphibienpopulation gefährden. Doch nicht nur das Wachstum vergessen die vorschnellen Käufer, sondern auch, dass die Tiere sehr alt werden, viel Fachkenntnis erfordern und dass die Haltung richtig viel Geld kosten kann - auch schon ohne einen Tierarzt aufsuchen zu müssen.
Opiela schätzt, dass nur etwa fünf Prozent der Reptilienbesitzer mit ihrem erkrankten Tier zum Arzt gehen. Als „Haupterkrankung“ vermerkt er Haltungsfehler. Falsche Fütterung, falsche Einrichtung des Terrariums, falsche Temperatur, Lichtqualität oder Luftfeuchtigkeit. Dabei ist all dies in Richtlinien des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz detailliert festgehalten, und beim Kauf ist eine Fachberatung Pflicht. In Internet und Literatur finden sich zahlreiche Tipps. Wer sich informieren will, könnte dies also problemlos tun. Stattdessen werden Zierschildkröten mit Wasserschildkröten verwechselt und müssen „ein Leben lang schwimmen“, gibt Opiela nur ein Beispiel für unglaubliche Unwissenheit.
Neben dem Tierschutz ist auch der Artenschutz bei der Haltung relevant. Für geschützte Arten besteht eine Meldepflicht, zu der ein Nachweis der rechtmäßigen Herkunft gehört. Wird dieser nicht geliefert, kann das Tier beschlagnahmt werden. Dies passiert auch, so Knickmeier. In schwereren Fällen, wie unerlaubtem Handel, wurden schon Durchsuchungsbeschlüsse beantragt. Trotz reichlich „schwarzer Schafe“ gibt es auch viele verantwortungsvolle Reptilienbesitzer. Bei guter Haltung, so Opiela, könne man zumindest kleineren Reptilien zu Hause annähernd natürliche Bedingungen schaffen, in denen sie sich wohl fühlen und auch die Nachzucht funktioniert. „Vögel und Meerschweinchen werden nur selten so artgerecht gehalten“, sagt er.
Der beste Reptilienhalter ist für ihn der Beobachter, der dem Tier nicht seine Nähe aufzwinge. „Die Tiere haben keinen Kontaktbedarf“, erklärt er. „Kuscheln wird ihnen nicht gerecht.“ Halte das Tier still, sei dies eher eine Schreckstarre, aber kein Genießen.
Das Röntgenbild von „Charlotte“ ist fertig. Es zeigt keine Eier, dafür aber eindeutig eine Darmverstopfung. Vermutlich verspürte das Tier einen Kalziummangel und fraß Sand und Kies aus seinem Terrariumboden. Mit Paraffinöl, darmanregendem Mittel und speziellem Futterpräparat verlässt Dieter Baum die Praxis. Seine Leguandame wird er gemäß Opielas Anweisungen zu Hause gut versorgen. Bis dahin packt er „Charlotte“ wieder in die Box und verklebt diese akribisch, „damit Charlotte mir im Auto nicht ins Ohr beißt“.
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