Bis 2080 könnte jede fünfte Art dieser Reptilien ausgestorben sein
Forscher haben mit einem Modell korrekt bestimmt, wo Echsen-Populationen wegen des Klimawandels ausgestorben sind. Dieses Schicksal könnte vielen weiteren Beständen drohen.
von Stephanie Kusma
Echsen brauchen die Sonnenwärme, um auf «Betriebstemperatur» zu kommen – doch zu viel ist auch ihnen zu viel. Wird es ihnen zu heiss, ziehen sich die Reptilien in kühlere, schattige Verstecke zurück. Normalerweise funktioniert diese Methode der Temperaturregulation gut. Doch der Klimawandel könnte sie laut einer neuen Untersuchung auf lange Sicht für die Bestände zum tödlichen Nachteil werden lassen.
Bestände verschwinden
Die Studie begann in Europa, wie Barry Sinervo von der University of Santa Cruz in Kalifornien und dem Centre national de la recherche scientifique in Moulis, Frankreich, berichtet. Hier untersuchte er Bestände einer verbreiteten, lebendgebärenden Eidechse (Lacerta vivipara). Dabei fiel auf, dass vor allem in niedrigeren Höhen in Südeuropa laufend Bestände dieser Echse verschwanden. Doch erst als Sinervo und seine Kollegen während einer anderen Forschungsarbeit in Mexiko auf etwas Ähnliches stiessen – hier starben ebenfalls südliche Populationen in niedrigeren Höhenlagen aus –, begannen sie einen Zusammenhang des Phänomens mit dem Klimawandel zu vermuten.
Das Team untersuchte 200 Bestände von Stachelleguanen in Mexiko. Es zeigte sich, dass der Rückgang vor allem Populationen betraf, in deren Lebensräumen sich die Temperaturen im Frühjahr, während der Fortpflanzungszeit, erhöht hatten. Wie die Forscher vermuten, zwingt dies die Reptilien dazu, vermehrt Schutz vor der Sonne zu suchen. Die zusätzliche Zeit, die die Tiere in ihren Verstecken verbringen, fehlt ihnen dann für die Nahrungssuche – in einer Zeit, in der ihr Energiebedarf besonders hoch ist. Dies dürfte den Fortpflanzungserfolg und damit das langfristige Überleben der Bestände beeinträchtigen.
Tatsächlich konnten die Wissenschafter zeigen, dass die Tiere an den Orten in Mexiko, an denen Bestände ausgestorben waren, etwa neun Stunden ihrer aktiven Phase in Verstecken zubringen müssten, um eine tödliche Überhitzung zu vermeiden. Als Grenzwert, ab dem ein Bestand langfristig nicht überlebt, identifizierte das Team in einem theoretischen Computermodell eine «Rückzugszeit» von knapp unter vier Stunden. Mit dem Modell liessen sich ausgestorbene Stachelleguan-Bestände in Mexiko korrekt bestimmen.
Prognose dank Grenzwert
Daraufhin sammelten die Forscher «Überhitzungs»-Daten für 34 weitere Echsen-Familien an weltweit über 1200 Standorten. Dabei ergab sich für jede Familie ein eigener Grenzwert. Liessen Sinervo und seine Kollegen das Modell mit diesen arbeiten, konnten sie weitere ausgestorbene Populationen auf verschiedenen Kontinenten vorhersagen – korrekt, wie eine Literatursuche ergab.
In einem weiteren Schritt gaben die Forscher Temperaturprognosen in ihr Modell ein, die sie dem dritten IPCC-Bericht entnommen hatten. Das Ergebnis ist ernüchternd. Schreitet der Klimawandel fort wie bisher, werden laut dem Modell bis zum Jahr 2080 weltweit 20 Prozent der Echsen-Arten ausgestorben sein. 6 Prozent von ihnen selbst dann, wenn die härtesten Massnahmen zur Minderung des Klimawandels eingeleitet würden, für die es Prognosen gibt. Dies jedoch nur, wenn die Tiere nicht andere Möglichkeiten finden, der Sonne auszuweichen – etwa, indem sie ihre Aktivitätsphasen verschieben.
nzz.ch