In die Welt der Dinosaurier fühlt man sich bei Jörg Offermann auf dem Tücking versetzt. In der Wohnung des 46-Jährigen leben mehrere Bartagamen. Die empfindlichen Echsen bedürfen äußerst intensiver Pflege bei der Haltung.
Regungslos und ein wenig arrogant starrt „Hunter” mit seinen schwarzen Augen von einem Stein herab. Plötzlich beginnt der Kopf der Echse in einem rhythmischen Stakkato zu wippen. Die sich schwarz einfärbende Kehle des Bartagamen-Männchens wird sichtbar, und der Bock stellt drohend klar: „Geht mir bloß nicht auf den Wecker!” Der Fotokollege und ich haben verstanden - willkommen sind wir nicht.
"Hunter” lebt in einem Terrarium auf den Tücking. Eine Welt hinter Glas, die ihm sein Besitzer Jörg Offermann auf Maß gezimmert hat. Die geräumige, wüstenartige Landschaft mit Steinen, Sandboden, Versteckhöhle, Kletterwurzel sowie in Ayers-Rock-Rot gestrichenen Wänden ist der Ursprungsheimat der Bartagamen nachempfunden: Australien. „Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre durften die Tiere mal ausgeführt werden”, erzählt Offermann, „heute kann man nur noch Nachzüchtungen kaufen.”
Bedrohliche Stacheln an Rumpf und Kopf
Das etwa 30 Zentimeter lange und fünf Jahre alte Schuppenkriechtier - ausgewachsene Exemplare werden bis zu 15 Jahre alt und mehr als einen halben Meter lang - blickt derweil eher neugierig auf die unbekannten Gaffer vor seiner Scheibe. Das Männchen der Gattung „Pogona vitticeps” mit dem bedrohlich wirkenden Stacheln an Rumpf, Schwanz, Kopf und Kiefer hat nach der ersten Aufgeregtheit wieder seine typische grau-braune Färbung angenommen. „Diese Wechsel dienen nicht etwa wie beim Chamäleon der Tarnung, sondern zeigen die Stimmung der Tiere an”, erläutert Offermann: „Wenn ,Hunter' richtig gut drauf ist, wird er schneeweiß, bei Unbehagen oder sexueller Lust leuchtet die Kehle schwarz.”
Letztere Leidenschaft bewegt den Bartagamen-Bock das gesamte Jahr. Daher lebt er auch immer mit mehreren Weibchen in einem Terrarium, um eine einzelne Partnerin nicht brutal zu überfordern. Das Ergebniss der äußerst heftigen Liebesspiele sind „Gelege wie eine Wundertüte”, so Offermann. Vor allem die exotischen Farbspiele der Echsen machen in der im Internet gut vernetzten Züchterszene den Ruhm aus. Besonders stolz ist Offermann beispielsweise auf gelbe Exemplare mit lachsfarbenem Rückenstreifen sowie seine bläuliche Blueberry-Eigenkreation (siehe http://www.highland-dragons.de/). Und schon schwelgt der 45-Jährige in Erzählungen über Gelege mit 68 Eiern, präsentiert seinen Brut-Inkubator, erläutert die Systematik mehrerer Aufzuchtterrarien sowie von Quarantänebecken für „Zugezogene” und schwärmt über Zuchtergebnisse in den schillerndsten Kolorierungen: „Je mehr Farbe, desto beliebter sind die Tiere - es wird immer das Spektakuläre gesucht.”
Schaben und Grillen als Leibgericht
Doch dazu bedarf es vor allem einer ähnlich begeistert-toleranten Familie, viel Geduld und kontinuierlicher Muße zu intensiver Pflege: „Inzucht-Kreuzungen und Haltung in engen Terrarien lehne ich ab”, versichert der Hasper mit Blick auf die in der gesamten Wohnung verteilten Behausungen: „Bartagamen brauchen regelmäßig UVA- und UVB-Bestrahlung, Lebendfutter wie Schaben, Heuschrecken, Mehlwürmer, Heuschrecken oder auch Mäuse sowie gründlich gewaschene Salate, Obst und auch Nahrungszusätze wie Calcium und Vitamine”, fasst der Echsen-Fan die wesentlichen Haltungstipps zusammen.
Stichworte, die bei „Hunter” prompt die Fressleidenschaft wecken. Mit einem einzigen, blitzschnellen Bissen schnappt sich die Echse die angereichte, verzweifelt zappelnde Argentinische Waldschabe. Angesichts der engen Zahnreihen gibt es für das Krabbeltier kein Entkommen. In seinem Fressrausch hat „Hunter” einem Artgenossen auch schon mal die Schädeldecke zerborsten - das Opfer überlebte. „In diesen Momenten zeigt sich, dass die als ,sanfte Dinos' titulierten Bartagamen einst neben dem Tyrannosaurus über unseren Erdball streiften”, erinnert Offermann an den Millionen Jahre alten genetischen Code der empfindlichen Echsen. Und noch im gleichen Atemzug erzählt er von vergnüglichen Badetagen „Hunters” in der heimischen Wanne: „Dort schwimmt er wie ein Krokodil. Und wenn er keine Lust mehr hat, bläst er sich auf wie ein Tennisball und signalisiert ,Ich will raus!'” Natürlich vornehm eingewickelt in ein Handtuch, damit er beim Transport zurück in die mollige Ayers-Rock-Landschaft sich durch die Zugluft keine Lungenentzündung holt.
„Hunter” - vollgefressen und ein wenig träge - lauscht derweil interessiert den Erzählungen seines Besitzers. Ganz allmählich verwandelt sich seine Hautfarbe am Kopf in wohliges Weiß. Dank der Besucher von der Zeitung hat's für ihn außer der Reihe ein Schaben-Festmahl gegeben: Wir dürfen bestimmt wiederkommen . . .
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