Tiere können lebensbedrohliche Situationen nur dann erfolgreich meistern, wenn sie regelmässig damit konfrontiert sind.
Tiere machen sich keine Sorgen wegen ihrer Zukunft. Sie kennen keine Existenzängste, geschürt von irgendwelchen düsteren Prognosen. Tiere leben im Hier und Jetzt. Weit in die Zukunft planen, sich gegen alle Eventualitäten absichern, ist Tieren fremd.
Zugegeben, Eichhörnchen oder auch Krähen, Häher und ihre näheren Verwandten legen sich einen Vorrat aus Nüssen und anderen Leckereien an, auf den sie später zurückgreifen. Und auch Bären und andere Winterschläfer langen nochmals kräftig zu, bevor sie sich für einige Monate in ihre Höhle zurückziehen. Doch zeugt dieses Verhalten von der weisen Voraussicht, dass magere Zeiten bevorstehen? Sind sich Tiere tatsächlich einer drohenden Gefahr bewusst?
Wohl kaum. Das heisst aber nicht, dass Tiere nicht auch Krisen meistern. Wie wir Menschen müssen sie in einer Notsituation richtig reagieren, sich anpassen, ihr Verhalten ändern, sich neu orientieren und den sprichwörtlichen Gürtel enger schnallen. Tiere müssen - genau wie wir Menschen in einer zunehmend globalisierten Welt - flexibel sein.
Stressachse aktivieren
Von platzenden Blasen allerdings werden sie nicht bedroht. Vielmehr kann sie die Anwesenheit von Feinden in eine Krise stürzen oder ein plötzlicher Wetterumschwung, eine ernsthafte Nahrungsknappheit und ein ständiges Hickhack innerhalb der sozialen Gruppe. Allen Wirbeltieren und damit auch uns Menschen ist gemein, dass in einer solchen Situation eine wahre Reaktionskaskade im Nerven- und Hormonsystem anläuft. Diese beginnt im Hypothalamus, einem wichtigen Steuerzentrum im Gehirn, verläuft über die Hypophyse oder Hirnanhangsdrüse und endet in der Nebenniere und anderen Organen. Forscher sprechen von der Stressachse.
Ob eine Gazelle vor einem Löwen flieht, eine heftige Flut die Laichgründe von Forellen ins Tal schwemmt oder eine anhaltende Trockenheit Nashörner hungern lässt, der Körper reagiert jeweils mit der Aktivierung dieser Stressachse und als Folge davon mit einer Erhöhung des Stresshormon-Spiegels im Blut. «Diese Stressreaktion ist nötig, um eine potenziell lebensbedrohliche Situationen erfolgreich meistern zu können», sagt der deutsche Verhaltensbiologe Thomas Rödl von der Wildbiologischen Abteilung des Institut National de la Recherche Agronomique in Toulouse.
Dabei verhält sich nicht jedes Tier in der Krise automatisch richtig. Das Bewältigen von Krisen will erlernt sein. Notsituationen müssen Teil des Erfahrungsschatzes eines Tieres und seiner Artgenossen sein. Oder anders gesagt: Wer keine Krisen kennt, kann nur schlecht damit umgehen.
Die bekannten Meerechsen auf den Galapagosinseln beispielsweise lassen sich leicht einfangen. Das Unvermögen, möglichen Feinden auszuweichen, wird den einmaligen Echsen zum Verhängnis. Während Jahrmillionen mussten die Tiere auf den abgelegenen Inseln nichts und niemanden fürchten. Doch dann kam der Mensch und mit ihm Hunde und Katzen. Inzwischen sind die Meerechsen akut bedroht.
Thomas Rödl und andere Forscher haben das Fluchtverhalten der zahmen Tiere genauer untersucht. Dabei registrierten sie einerseits die Kortikosteron-Konzentration im Blut und anderseits, wie schreckhaft die Tiere waren.
Echsen, die bereits mit jagenden Hunden in Kontakt gekommen sind, zeigten mit einem Anstieg des Kortikosteron-Spiegels eine ausgeprägte Stressreaktion. Tiere ohne diese Erfahrung waren nur gestresst, wenn sie von den Forschern bereits einmal eingefangen worden sind. «Die Stressachse der Tiere ist erhalten geblieben, physiologisch können die Tiere adäquat reagieren», sagt Rödl.
Das Problem der Meerechsen aber sei, dass sie ihr Fluchtverhalten nur ungenügend anpassen würden, erklärt der Verhaltensforscher. Man könne die Tiere ohne Schwierigkeiten immer wieder einfangen. Offenbar hat das friedliche Inseldasein die Fluchtinstinkte der Meerechsen verkümmern lassen.
Reaktion anpassen
Solange Tiere aber regelmässig gefährlichen Situationen ausgesetzt sind, können sie sehr gut damit umgehen. Und je nach Lebensabschnitt, in dem sie sich gerade befinden, reagieren sie mal hektischer und mal gelassener. Die Dachsammer etwa zieht in den hohen Norden Kanadas, um dort zu brüten. Wenn die kleinen Vögel in ihrem Sommerquartier ankommen, werden sie gelegentlich noch von Schnee überrascht. Die Tiere reagieren gelassen auf solche Wetterwechsel, da sie den Brutbeginn nicht verpassen dürfen.
Später im Jahr jedoch stresst sie anhaltend schlechtes Wetter. Der Stress erlaubt ihnen, ihre letzten Energiereserven zu mobilisieren. Das Brüten und Grossziehen der Jungen habe in dieser Lebensphase oberste Priorität, sagt Rödl. «Sie verhindern auf diese Weise, ihre Brut zu verlieren.»
Auch Rehe lassen sich nicht durch jedes Knacken im Unterholz stressen. Zwar springen sie davon, ihr Herzschlag und Hormonspiegel gehen aber sofort wieder auf Normalniveau zurück. Auf diese Weise vermeiden sie die negativen Folgen von permanentem Stress.
Wenn aber eine Gefahr real ist, muss die Reaktion schnell erfolgen. Soziale Tiere eines Gruppenverbands - und damit auch der Mensch - haben dabei ein besonderes Problem: Wem sollen sie folgen, wer in der Gruppe verfügt über die entscheidenden Informationen, wie eine Gefahr zu überstehen ist?
Wir Menschen machen es uns dabei einfach, wir verlassen uns auf sogenannte Experten. Dass das möglicherweise genau jene sind, die zuvor die Krise angerichtet haben oder nicht rechtzeitig haben kommen sehen, scheint uns dabei nicht weiter zu stören.
Nicht jedem Heisssporn folgen
Soziale Tiere hingegen kennen diesen vermeintlichen Expertenstatus nicht. Sie vermeiden vielmehr, einem Einzelnen zu vertrauen, wie britische Forscher erst kürzlich bei Dreistachligen Stichlingen zeigen konnten. Ein individueller Fisch schwimmt nur dann in eine bestimmte Richtung, wenn genügend viele Artgenossen seiner Gruppe ebenfalls in diese Richtung schwimmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Gruppe in grosser Gefahr blindlings einem Heisssporn folgt, wird durch diese kollektive Entscheidungsfindung minimiert.
Eine der wenigen Ausnahme im Tierreich, die lediglich die Regel bestätigt, sind Elefanten. In der Trockenzeit führt jeweils die erfahrenste Elefantenkuh ihren Clan zum nächsten Wasserloch. Die jüngeren Elefanten vertrauen und folgen dieser natürlichen Autorität ohne zu zögern.
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